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KUNSTZONE SCHWARZENBERG
KUNSTZONE SCHWARZENBERG
CHRISTINE +JÖRG BEIER / OBJEKTE
LYDIA SCHÖNBERG / FOTOGRAFIE

Ausstellung im Foyer des Schauspielhauses Chemnitz vom 27.2.-2.4.2006 (während der Vorstellungen)
»»» Bilder von der Austellungseröfnung


Es spricht Matthias Zwarg und Musik: KlangZone - Schwarzenberg

Galerie im Schauspielhaus
Zieschestraße 28
09111 Chemnitz

Tel.: 0371/6969777

Eröffnungsrede
von Matthias Zwarg

Liebe Christine, liebe Lydia, lieber Jörg,

wir haben uns noch nie Briefe geschrieben, und es wird wohl auch bei dieser einen Ausnahme bleiben. Was schade ist, und eigentlich auch zu ändern. Aber wir werden es wohl nicht ändern - die Zeiten sind nicht so. Ich kann leider nicht zu Eurer Ausstellungseröffnung im Chemnitzer Schauspielhaus kommen - wie das so ist, wenn man allzu kurz- oder allzu langfristig plant. Aber ich wäre jetzt gern bei Euch und danke Euch für die Einladung.

Ich stünde gern unter den Fahnen mit beschränkter (oder vergitterter) Hoffnung von Christine, neben den traurigen Engeln Jörgs, vor den bitteren Fotos Lydias. Es ist eine Trauer, eine Bitterkeit, ein Zweifel, vielleicht sogar Verzweiflung in Eure Arbeiten gekommen, die früher so nicht da waren. Da dominierte oft die Frechheit, die Provokation, das Bunte, das Andere, das man im Erzgebirge, Eurer, unserer Heimat befremdlich findet, für das man sich rechtfertigen muß, für das man sogar verstoßen werden kann. Ihr habt die Freie Republik Schwarzenberg zurückerobert mit einem Handstreich, aber auch in mühevoller Arbeit von denjenigen, die Geschichte gern umschreiben wollen, die gern vergleichen, was nicht vergleichbar ist, die nach der alten (und immer falsch verstandenen) Rechnung "Auge um Auge, Zahn um Zahn" bilanzieren, denen damals wie heute der Opportunismus, dieses "wer nichts macht, macht auch keine Fehler" als höchst erstrebenswertes und zu verteidigendes Lebensmotto gilt.

Ihr habt Euch gekämpft durch die Zeiten mit Eurer Kneipe, einem der wenigen Orte, wo die Nachtgestalten im Erzgebirge Zuflucht finden, wo sich Gewinner und Verlierer gemeinsam betrinken, wo man vielleicht mit ein wenig mehr Hoffnung geht als man gekommen ist. Ihr habt Euch durchgekämpft auf dem langen Marsch durch Behörden - nicht um Eurer selbst willen, sondern um anderen zu helfen, die eben nun einmal da waren und Hilfe brauchten.

Ihr seid eben die "Zone". Urprünglich war es ja vielleicht nur eine Kunst-Zone, ein Reich der Phantasie, der Kreativität. Aber Ihr habt die Anspielung auf die "Ost-Zone", auf die selbstverwaltete Freie Republik und auf die Zone, durch die der Stalker seinerzeit ging, schon gern in Kauf genommen. Die Zone, Eure Zone war jedoch nie autonomes Gebiet, war nie abgeschottet von ihrer Umgebung, sie hat immer den Austausch gesucht - und oft auch gefunden. Manchmal auf eine Art, die Ihr Euch vielleicht lieber erspart hättet - denn manchmal ist Schwarzenberg Provinz, so, wie jeder Ort der Welt auch eine Provinz ist. Aber Ihr habt immer die Welt in die Provinz geholt.

All dies sieht man Euren Arbeiten an. Deine Engel, Jörg, sind mit den Jahren immer schmaler geworden. Sie haben ihre Flügel ganz verloren oder sie halten sich nur noch an ihren eigenen Flügeln fest. Und sie sind auf einer ewigen Flucht mit immer demselben Gepäck. Wer immer sich im Erzgebirge nicht dem Klischee gebeugt hat, hatte wohl auch den Wunsch wegzugehen. Aber, man sieht es diesen Engeln an, sie werden nie wirklich weggehen. Weil sie wissen, daß sie da gebraucht werden, wo sie herkommen. Selbst wenn sie sich mal in eine Ausstellung nach Frankreich begeben müssen. Es sind keine Engel der Gerechtigkeit, sondern Engel der Barmherzigkeit. Und solche Engel gehen nicht weg.

Deine Bilder, Lydia, sind gesprungen. "Wie die Dinge sich wohl anfühln, wenn sie denn noch ganz wärn", heißt es in einem ziemlich guten Popsong, und dies frage ich mich auch, wenn ich diese Fotos ansehe. Es gehört Mut dazu, sich selbst so zu fotografieren, so viel von sich preiszugeben. Ein Mut, der vielleicht - ohne daß diese Fotos sich als Wegweiser verstehen - ein Weg ist aus diesen visionslosen Zeiten, in denen die Verwaltung des Mangels (an Arbeit, an Zukunftsaussichten, an Lebensmut) beschönigend Politik genannt wird. Diese Fotos sind mehr als Selbstportraits. Sie porträtieren eine Zeit, in der die Dinge eben nicht "ganz" sind und auch keine Aussicht besteht, dass sie es all zu bald werden. Und an wem könnte man das besser zeigen als an sich selbst?

Trotzdem hast Du, Christine, die Fahne an den Mast genagelt, oder in diesem Fall unters Dach des Schauspielhauses. Auch das sind ja "gebrochene" Fahnen, nicht mehr lustig im Wind flatternde, leichte, bunte Tücher, sondern fast zwanghaft blau-hoffnungsvoll bemalte Jalousien, die den Ausblick eben so verdunkeln wie erhellen können. Immerhin, während sie auf der einen Seite immer auch ein Gitter, ein Gefängnis andeuten, könnte man auf der anderen Seite versucht sein zu glauben, diese Vögel würden wirklich fliegen. Fahnen sind immer Hoffnung - selbst die weiße Flagge kann ein hoffnungsvolles Zeichen.

"Die Waffen der Kunst sind mit Zukunft geladen" - das heißt ja nicht, daß die Kunst selbst die Zukunft auf Holz, Fotopapier oder Stoff bringen muß. Das heißt ja auch, daß die Zukunft davon abhängt, in welchem Licht wir die Gegenwart und die Vergangenheit sehen. Manche meinen, das sei eine zu große Verantwortung für die Kunst, und überhaupt müsse ja das einem mit dem anderen, die Kunst mit dem Leben, gar nichts zu tun haben.

Ich glaube das nicht. Eure Kunst hat sehr wohl etwas mit dem Leben zu tun, mit Euerm eigenen da auf dem schwarzen Berg, und mit unserem. Vielleicht, weil man von da oben besser sieht, wie es unten wirklich ist. Vielleicht, weil Zukunft nie von selbst geworden ist, vielleicht, weil man das Päckchen, das man zu tragen hat, auch annehmen muß, um es irgendwann wieder loszuwerden. Eure Kunst muß deshalb nicht nach dem Markt schielen, nach dem verkaufbaren Knalleffekt, sie kommt eher leise, aber dafür bleibt sie vielleicht länger. Und: Mir ist auch, wie Manfred Krug seinerzeit, eine kräftige Traurigkeit lieber als ein schlapper Optimismus.

Ich wäre also gern bei Euch gewesen heute - zwischen Fahnen, Engeln und gebrochenen Bildern - aber der Besuch ist nur aufgeschoben. Manche Freunde verliert man nicht aus den Augen.

Ich wünsche Euch also eine schöne Ausstellungseröffnung, den Besuchern Freude an Euren Arbeiten - und alles, was ich jetzt vergessen habe zu schreiben, können sie Euch ja selbst fragen.

Liebe Grüße,

Matthias
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